Passanten

Ein zentraler Ort in Beuel, an dem sich täglich viele Menschen begegnen, ist der kleine, dreieckige Vorplatz am Konrad-Adenauer. Hier treffen Verkehrswege aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander, hier wechseln die Menschen vom Bus in die Bahn, erledigen ihre Einkäufe, gehen essen oder ruhen sich auf der Treppe aus. Die Skulptur, die ich für diesen Platz entworfen habe, trägt den Titel "Passanten". Die Passanten gehen aneinander vorbei, es passiert etwas, sie passieren und schon ist die Begegnung "passé". Wird man sich wieder treffen?

Aufstellung am 3. Mai 2025

Foto rechts oben: (von links nach rechts) Susanne König, Leiterin des Kulturamtes 
der Stadt Bonn; Christina zu Mecklenburg, Kunstjournalistin; Wolfgang Hunecke

Rhein-Sieg Anzeiger vom 05. Mai 2025

 

Wolfgang Hunecke: „Passanten“/Enthüllung, Samstag, 3. Mai 2025 

Schon auf der Kennedybrücke blitzt und schimmert einem da auf dem Beueler Festland ein zuvor nie gesichtetes Gebilde entgegen; beim Näherkommen mit dem Fahrrad oder dem PKW würde man gerne einen kurzen Halt einlegen um das Novum konkreter in Augenschein zu nehmen. Aber man kann sich dieser fast 4 Meter langen, 2,40 Meter hohen Stahlskulptur, den „Passanten“ von Wolfgang Hunecke nur zu Fuß, also als Passant nähern;
und dann wird man unweigerlich verweilen vor diesem semiabstrakten, vertikal aufragendem Figurenensemble, vor dieser anthropomorphen Menschengemeinschaft und diese von allen Seiten auf Augenhöhe begutachten, und alsbald feststellen, dass hier offenbar etwas Vertrautes, Alltägliches und doch Einzigartiges aufscheint. Was hat Wolfgang Hunecke da in Stahl verewigt?: freizeitliches Flanieren, Einkaufsbummeln, einen stillen Demomarsch, eine Fluchtepisode, Nomadendasein, einen verschwiegenen Komplott, eine feierliche Prozession, ein mysteriöses Ritual, einen Chor, eine Maskerade oder das geschäftliche und rastlos geschäftige unterwegs sein schlechthin, die sporadische Begegnung, der belanglose Chat, die wechselseitige Ignoranz oder Inspektion.
Wie Sie gleich merken, inspiriert diese Leihgabe von Wolfgang Hunecke zum Grübeln, zum Vorstoß zu einem verblüffend weit gespannten Themenbogen. Den neuen Blickfang „Passanten“ dürfen wir getrost als Projektionsfeld nutzen, der Künstler selbst überreicht uns einen Freibrief an unsere Fantasie und Imaginationskraft. 
Aber, so betont das seit fünfzig Jahren in Beuel ansässige Multitalent: diese „Passanten“ erzählen keine Geschichte, vielmehr verdichtet sich in diesen originären Formfindungen eine dreißigjährige Kompositions-Geschichte; sie beginnt mit Skizzen, Zeichnungen, setzt sich fort in vielgestaltigen Variationen („Menschenwürfel“, 1991 „Figuren“), Modifikationen, und wenn man so will mit schier endlosen Konstellationen, Kommunikationsmodellen. Im Fokus: Figur, Raum und Bewegung, alias Mensch, Umfeld/Umwelt und Entwicklung/Leben.
Und dieser Schaffensprozess, ein grafischer, malerischer und skulpturaler Krimi ist noch nicht be- oder vollendet, noch immer wie gleich zu Anfang „on the move“. Ein empfehlenswerter Besuch im Beueler Baumhaus Atelier  öffnet Ihnen die Augen noch viel weiter!
Im plastischen Gruppenbild „Passanten“ verkörpert sich ein Gesellschaftsausschnitt oder anders formuliert, ein kompaktes, variationsreiches Reservoir an, aus Linienverläufen erwachsenden Um- oder Schattenrissen, Konturen, Silhouetten, die einen oft stelenförmigen, gertenschlanken Korpus (Giacometti Assoziationen) mit einem kopfähnlichen Abschluss (Himmelfahrtsblick) zur Schau tragen. Zu entdecken sind: voneinander abweichende Attitüden, Körpersprachen, Anatomien, Alter und Geschlechter oder Outfits. Das aktuelle Ergebnis ist ein aus 13 individualistischen Personen rekrutiertes Kollektiv. 
Und es ist eine Zufallsentdeckung, die der Bildhauer nach Werkabschluss macht: der Bonner Stadtbezirk Beuel setzt sich aus exakt 13 Ortsteilen zusammen! „Passanten“, ein Spiegelbild Beueler Eigenständigkeiten und Facettenvielfalt?
Genetisch und materiell betrachtet, bildet diese Passanten-Sozietät (ähnlich wie die 13 Beueler Bezirke) eine Dynastie, eine Familie, die sich prozessual aus grafischen Entwürfen und einer Stahlplatte herauskristallisiert. Auf die Gravuren der grafischen Vorlagen auf den Stahlfond hin erfolgt per Laserverfahren das Herausmodellieren figürlicher Umrisse; das Raffinement dieser figurativen Verflechtung: das Negativ einer einzelnen Formation geht aus dem Positiv des benachbarten Grundrisses hervor.
Mit Bedacht, Weitblick und Hintersinn hat Wolfgang Hunecke just diese Stelle auf dem SwissLife Privatgelände, dem Beueler Konrad Adenauerplatz für die zeitweilige Verankerung seiner „Passanten“ ausgesucht. 
Dieser Ort ist kein Idyll, kein Biotop, kein Skulpturen Parkeldorado, vielmehr ein topografisches Pulverfass, eine geografische Gelenkstelle, flankiert von zwei markanten, dicht frequentierten Straßenverläufen, vis a vis der Kennedy Brücke, unweit des Rheinufers, eine Art von Bühnenpodest oder schlichtweg die Ouvertüre, das Eingangstor zu Beuel, gleichsam kosmopolitisch vernetzt mit allen 4 Himmelsrichtungen. Auf dem Adenauerplatz wirkt die Bewegung suggerierte Figurensuite paradoxerweise wie ein Ruhepol, wie eine meditative Station, eine kontemplative Oase im quirlig turbulenten Menschen- und Verkehrsgetriebe (Bushaltestellen). 
Hast, Hektik, Gemächlichkeit oder einfach nur der pulsierende Rhythmus des sich verflüchtigenden Lebens, aber auch das Transitorische, en passant Vorüberziehen der Lebenszeit, das „Tempi Passati“ und ebengleich das Vanitas Syndrom, auch das will diese ästhetisch bezwingende Choreografie signalisieren. Und diesem Vergänglichkeitstopos kontert das resistente, überlebensfähige und zeitlose Material Stahl.
 
Text: Christina zu Mecklenburg
Bonn, April 2025

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